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Im Wikimedia-Salon – J=Journals

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Die 10. Veranstaltung „Wikimedia-Salon – Das ABC des Freien Wissens“ am 3. September 2015 widmete sich dem Buchstaben J wie Journals. Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des freien wissenschaftlichen Publizierens standen im Mittelpunkt dieser Podiumsdiskussion. Eine Aufzeichnung der Veranstaltung ist online verfügbar (2 Std. 9 Min.):

Das Video in voller Länge ist natürlich empfehlenswert. Außerdem wurde unter #wmdesalon getwittert. Der Hashtag schaffte es zeitweise sogar auf Platz 3 der Twittertrends in Deutschland. Für alle, die gerade nicht so viel Zeit für das Video erübrigen können oder möchten, hier meine Zusammenfassung der Veranstaltung:

Zur Einstimmung teilte der Physiker Marc Wenskat sein Wissen über Elementarteilchen in Form eines unterhaltsamen Science Slam mit uns.

Dann hielt Lambert Heller einen Einführungsvortrag, in dem er die Entstehung und Entwicklung freier Wissensverbreitung und Möglichkeiten von Diskurs und gemeinsamen Weiterentwicklungen von Problemlösungen anhand erfolgreicher Beispiele, wie dem Polymath Project von Timothy Gowers (gemeinsame Lösung mathematischer Fragen im Blog), der EHEC-Erforschung mittels Datenaustausch über Github und der Widerlegung von Forschungsergebnissen in „Science“ durch Rosie Redfield per Blogartikel. Inzwischen haben auch Institutionen oder gar Staaten die Vorteile des Open Access entdeckt, und man geht dazu über, an Forschungsgelder die Bedingung zur freizugänglichen Publikation der Ergebnisse zu knüpfen, wie beispielsweise beim EU-Förderprogramm Horizon 2020.

Wikimedia-Salon_Journals_zwei-Herzen

Folie 13 aus der Einführungspräsentation von Lambert Heller zum 10. Wikimedia-Salon

Trotz dieser positiven Perspektiven hält sich die Begeisterung vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Open Access in Grenzen. Lambert Heller machte diesen Widerspruch in einer Übersicht deutlich. Manche möchten eventuell erst nach erfolgreichem Abschluss der Forschungsphase mit ihren Überlegungen an die Öffentlichkeit. Und für eine Karriere und die Erlangung von Forschungsgeldern zählen nach wie vor möglichst viele Veröffentlichungen in Zeitschriften mit hohem Impact Factor.

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden verschiedene Aspekte des Open Access beleuchtet. Hängt es eventuell vom Fachgebiet ab, wie beliebt freies Publizieren ist? Halten manche Disziplinen eben doch noch gern Papier in den Händen, obwohl sie selbst auch fast immer Textverarbeitung und Internetrecherche beim Schreiben nutzen? Oder kommt es eher auf die Akzeptanz der Fachcommunity oder die Empfehlungen des Betreuers an?

Obwohl die Forschenden der Naturwissenschaften die Pioniere bei Open Access waren und aktuell in dieser Hinsicht als aufgeschlossener gelten, gibt es mit Hypotheses.org auch ein Beispiel für eine erfolgreiche Wissenschaftskommunikation mittels Blogging in den Geistes- und Sozialwissenschaften (Literaturtipp dazu aus der Diskussionsrunde -> Puschmann, Cornelius: How Digital Are the Digital Humanities? An Analysis of Two Scholarly Blogging Platforms).

Christina Riesenweber, tätig bei OJS-de.net, der bekanntesten Open-Source-Software zur Verwaltung und Veröffentlichung von wissenschaftlichen Zeitschriften meinte, dass ein Open-Access-Journal bessere Chancen hätte, wenn renommierte Forschende an Bord sind und damit der Zeitschrift zu Anerkennung verhelfen.

Frédéric Dubois, Chefredakteur der Online-Zeitschrift „Internet Policy Review“ sah die Erfolgsfaktoren vor allem in der Kooperation mit internationalen Instituten. Die Zeitschrift begann mit einer Mischung aus Journalismus und Wissenschaft, konzentriert sich jedoch zunehmend auf den zweiten Aspekt. Ansonsten ist die Schnelligkeit der Veröffentlichung von Bedeutung. Das wird sicher nicht nur in der Internetforschung gern gesehen.

Ein Hauptproblem neuer Online-Zeitschriften ist immer noch die Bedeutung des Journal Impact Factors (JIF), welcher ursprünglich als Entscheidungskriterium für BibliothekarInnen bei der Erwerbung und Abbestellung gedacht war, und inzwischen einfach DAS Qualitätskriterium der Wissenschaft ist. Kritische Stimmen, die JIF als Gütemerkmal in Frage stellen, mehren sich jedoch. Zahlreiche Institutionen haben bereits das San Francisco Declaration on Research Assessment (DORA) unterschrieben, welches sich gegen die Einschätzung nach JIF richtet.

Dass man sich auch die viel gerühmten Kompetenzen renommierter Verlage nicht mehr verlassen kann, zeigte der kürzlich veröffentlichte Beitrag von Lorenz M. Hilty bei Netzpolitik.org. Auch wissenschaftliche Zeitschriftenverlage hätten ihren Service reduziert und überlassen deutlich mehr Arbeit den Autorinnen und Autoren. Das war nicht immer so, wie der langjährige Verleger K. G. Saur zu berichten wusste. Expertise und Aufwand sind allerdings bei der Herausgabe von Zeitschriften trotzdem nicht zu unterschätzen, wie Christina Riesenweber meinte, und diese Bereiche wollen oder sollen doch eigentlich nicht die Forschenden machen.

Aber auch die Möglichkeiten einer Zweitpublikation, beispielsweise auf institutionellen Repositorien, werden lange nicht ausgenutzt. Viel lieber nutzen die Forschenden die Plattform ResearchGate und laden dort auch Publikationen hoch, teilweise urheberrechtlich bedenklich, haben sie doch häufig in Autorenverträgen dauerhaft oder mit einer Embargofrist Exklusivrechte an Verlage übertragen. Worin liegt nun der Erfolg von ResearchGate? Vielleicht weil es offen und einfach zu handhaben ist, den Austausch ermöglicht und eben sehr viele Teilnehmende hat? Sollten auch Repositorien einfacher und offener sowie mit Funktionen sozialer Netzwerke ausgestattet werden, um für Forschende attraktiver zu werden?

Wikimedia-Kissen Die Frage, wie es mit den wissenschaftlichen Publikationen weitergehen wird, bleibt jedenfalls spannend – das zeigten die Wortmeldungen und Diskussionen im Anschluss. Sollten mehr Universitätsverlage die Herausgabe von Zeitschriften übernehmen? Oder wäre es besser, sich als Institution auf bestehenden großen Open-Access-Portalen wie arXiv zu etablieren. Sind Verfahren wie das klassische Peer Review eventuell zukünftig gar nicht mehr notwendig, da interessierte Forschende ihre eigenen Erkenntnisse direkt zu der Veröffentlichung äußern können und damit eine Qualitätskontrolle gewährleistet ist? Es wäre trotzdem eine gute Idee, wenn Bibliotheken sich – wenn nicht als Verleger – dann doch als Ansprechpartner für Informationen, Empfehlungen und technischen Ressourcen einbringen.

Update 14.09.2015: Im Wikimedia-Blog ist auch ein Beitrag zum 10. Wikimedia-Salon erschienen.

Update 23.09.2015: Leontine Jenner schrieb im Blog des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft ebenfalls einen Artikel zu dieser Veranstaltung.

Written by lesewolke

8. September 2015 um 07:20

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