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Das Ende der Zeitschriftenabos? Gold Open Access beim #bibcast 2016

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Inzwischen habe ich mir nun wenigstens mal eine Videoaufzeichnung eines Vortrag des #bibcast angesehen und zwar „Gold Open Access verändert Bibliotheken – ein Call-To-Action“ / Bernhard Mittermaier [Update: Präsentationsfolien]. Es ist ja schon so viel über Open Access geredet und geschrieben worden, doch hier handelte es sich um eine klare, sachliche Auseinandersetzung mit ganz praktischen Fragen und Problemen, die auf Bibliotheken zukommen, wenn hauptsächlich Open Access veröffentlicht wird. Ein absolut empfehlenswerter Vortrag! Eine Zusammenfassung bietet das Etherpad. Aber da es wohl nicht dauerhaft gespeichert wird, habe ich mich trotzdem für einen Überblicksbeitrag entschieden.

Bernhard Mittermaier, Leiter der Bibliothek des Forschungszentrums Jülich, rechnete in seinem Vortrag vor, dass wir 2023 bei 50% und 2027 bei 100 Prozent angekommen wären, wenn die Entwicklung in Richtung Open Access so fortschreitet wie in den letzten 2 Jahrzehnten. Das zumindest der überwiegende Teil auf Gold Open Access umsteigt, ist gar nicht so utopisch. Bereits jetzt werden Offsetting-Verträge mit einem Ausgleich von Artikel- und Subskriptionsgebühren geschlossen (Niederlande, Österreich, Großbritannien). Die Vergabe von Forschungsgeldern ist immer öfter an eine spätere OA-Veröffentlichung gekoppelt. Die Max Planck Digital Library hat ermittelt, dass sich ein globaler Umstieg auf Open Access durchaus lohnen würde, siehe Hinweis auf die Studie von 2015. Das könnte eine Bedrohung für wissenschaftliche Bibliotheken bedeuten, die sich weiter hauptsächlich auf die Subskription von Zeitschriften konzentrieren.

Eine andere Möglichkeit der Reaktion auf das zu erwartende Szenario ist die offensive Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung. Doch warum sollte sich eine Bibliothek statt um Abos nun um Artikelgebühren kümmern? Die Antwort liegt in der besseren Verhandlungsposition gegenüber Verlagen und der Aushandlung von Rabatten. Auch hier könnten Konsortien zum Einsatz kommen, und zwar am besten gleich auf nationaler Ebene.

Die Bibliothek des Forschungszentrums Jülich sieht die Zukunft in der Bearbeitung der Article Processing Charges (APCs) . Knapp 300 Rechnungspositionen für Zeitschriftentitel würden zukünftig durch 2000 Artikelrechnungen abgelöst. Das wäre ein erheblicher Mehraufwand, der hoffentlich bald durch die Entwicklung standardisierter, maschinenlesbarer Rechnungen & Datenlieferungen aufgefangen wird. Das DFG-Projekt INTAKT beschäftigt sich damit.

Aber das ist längst nicht das einzige Folgeproblem. Vermutlich ist zeitweise mit einem starken Anstieg der Dokumentlieferungen zu rechnen, denn eine Umverlagerung der Kosten durch Abbestellungen von Abonnements ist nicht unrealistisch.

Die Verantwortung über die Kostenzuweisung sieht Mittermeier bei der Universitätsleitung. Sie muss entscheiden, ob es einen Publikationsfond in einer festgelegten Summe gibt, Artikelgebühren jeweils nur bis zu einer bestimmten Höhe gezahlt werden oder alles nach oben offen ist. Unklar ist, wie die Autoren und Verlage auf solche Vorgaben reagieren könnten.

Neben der Artikelverwaltung ist es weiterhin wichtig, dass sich Bibliotheken um die Zugangsinformationen in der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek kümmern. Doch für welche Zeitschriften ist eine Einrichtung zuständig und wertet zudem Statistiken aus, wenn (fast) alles grün ist? Als Kriterien wurden im Vortrag z.B. eine Auswahl relevanter Titel genannt, weil eigene Wissenschaftler darin publizieren oder daraus zitieren oder wenn die Einrichtung diese tatsächlich noch abonniert. Die Frage der Langzeitarchivierung – nicht alle Verlage gibt es ewig – muss ebenfalls geklärt werden.

Abschließend machte Mittermaier auf ein weiteres Aufgabengebiet aufmerksam, dem bibliothekarischer Know-How gut tun würde: das Forschungsdatenmanagement. Er empfiehlt zusätzlich einen Datenkurator, der zwischen Bibliothek, Wissenschaft und IT vermittelt. Als Anreiz für die Nutzung eines zentralen Systems wurde die Weiterverwendung der Daten bei interdisziplinären Forschungen genannt.

Written by lesewolke

8. März 2016 um 20:30

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